Dr. Peter Langemeyers Beitrag konzentriert sich auf Hochhuths Reflexionen zum politischen Drama und Theater und ihre dramaturgische Relevanz. Der Referent verortet diese Reflexionen einerseits im Kontext der Aufklärung (Bodmer, Lessing, Schiller), andererseits im Kontext des Zeitstücks der Weimarer Republik (Piscator) und seiner Fort- und Umschreibung im bundesdeutschen Dokumentartheater der 60er Jahre (P. Weiss) und grenzt sie von aktuellen, postmodernen Entwürfen (Hans-Thies Lehmann) ab. Ein fruchtbares Unterscheidungsmerkmal scheint dabei das Verhältnis von Politik und Moral zu bilden. Weitere Aufschlüsse verspricht die Leitidee des Krieges zu geben, die Hochhuth nicht nur für die Begründung des Ursprungs der Tragödie reklamiert, sondern auch als Motiv und Strukturmoment seiner Stücke verwendet ("Kunst als Kriegsgebiet"). Die Begriffe, die dieser Denkfigur implizit sind (wie Macht und Gewalt, Sieger und Besiegte, Kampf und Tod), erlauben es - so die Hypothese, die geprüft werden soll -, Hochhuths Beitrag zum politischen Drama und Theater der Gegenwart genauer zu bestimmen. Dr. Peter Langemeyer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Wirtschaft, Sprachen und Gesellschaft der Hochschule Östfold, Halden, Norwegen.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre hinein war das Drama die bevorzugte Gattung für die literarische Selbstreflexion über deutsche Geschichte. Bei den historisch orientierten Spielarten des „postdramatischen Theaters“ scheint diese Geschichtsreflexion von einer Rückkehr zum Mythos, einer Neuverhandlung antiker Stoffe abgelöst zu werden. In mehrfacher Hinsicht quer zu dieser Entwicklung von der Zeitgeschichte zum Mythos steht die Dramatik Rolf Hochhuths. Auf den ersten Blick könnte es so scheinen – und Hochhuth selbst arbeitet in seiner Rezeptionssteuerung diesem Eindruck zu –, als habe er mit seinem Erfolgsstück Der Stellvertreter (1963) ein Modell des Dokumentarischen Theaters entwickelt, das bis zu seinen jüngsten Bühnentexten in den Grundzügen unverändert ist. In seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel Die Geburt der Tragödie aus dem Krieg (2001) möchte er vor allem eine Lanze für die politische Literatur brechen und die deutsche Geistesgeschichte einer großen Verdrängung überführen, nämlich der „Urabneigung des deutschen Geistes gegen zwei maßgebende Lebenszentren: Politik und Krieg in der Dichtung“.
Mit der Politisierung der Literatur einher geht bei Hochhuth die Individualisierung ihrer Geschichtsdarstellung. In zunehmendem Maße jedoch setzt er in seinen jüngsten Stücken (z.B. McKinsey kommt oder Hitlers Dr. Faust) den Mythos als Mittel der Komplexitätsreduktion ein. Wenn in einer Welt zunehmend anonymerer Machtdiskurse und politischer Entscheidungsprozesse, die oft gar nicht mehr auf der politischen Bühne fallen, daran festgehalten werden soll, dass Geschichte nur durch Individuen sichtbar werde, muss – so meine These – das Individuum selbst zum Mythos werden. So soll der zunächst paradox wirkende, aber sich als konsequent erweisende Umstand analysiert werden, dass ausgerechnet Rolf Hochhuth als Dramatiker der Zeitgeschichte und des Individuums seine Zuflucht beim entindividualisierenden Mythos nimmt und sich bei der Politischen Theologie bedient.
PD Dr. Bernd Hamacher ist Lehrbeauftragter am Institut für Germanistik II der Universität Hamburg.
Dr. Andreas Quermann (Berlin)
Podiumsdiskussion Prof. Dr. Hubert Speidel (Kiel)
Schüler der Waldorfschule Leipzig spielen Rolf Hochhuth
Regie: Rossitza Todorowa-Behrens




